Vaterkomplex: Gibt es ihn wirklich?

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Welche Rolle spielt der sogenannte Vaterkomplex bei der Partnerwahl wirklich?

Haben die Beziehung zum Vater, sein Äußeres, seine Art und seine Wesenszüge tatsächlich einen so großen Einfluss auf die Partnerwahl einer Frau? Der Vater ist die erste und wichtigste männliche Bezugsperson eines jeden Mädchens. Und wenn es wirklich einen Vaterkomplex gibt, welche Rolle spielt dann das Verhältnis zum Vater genau?

Was ist der Vaterkomplex überhaupt?

Der Begriff Vaterkomplex leitet sich aus Studien des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung ab und gilt als weibliches Gegenstück zum Ödipus-Komplex. Beide Bezeichnungen stammen aus der griechischen Mythologie und bezeichnen die Idealisierung des gegengeschlechtlichen Elternparts und die Feindseligkeit gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil.

Der Begriff Vaterkomplex ist in unserer Gesellschaft negativ behaftet, weil er in den Köpfen der Menschen primär mit einem Mangel an väterlicher Zuwendung verknüpft wird. Gleichzeitig dominiert das Bild einer Frau mit einem Vaterkomplex, die versucht, diesen Mangel an Zuwendung während ihrer Kindheit durch die Wahl eines väterlichen anmutenden,  meist viel älteren Partners auszugleichen.

Wissenschaftlich betrachtet bedeutet das Wort Vaterkomplex jedoch nichts Krankhaftes, sondern definiert aus psychologischer Sicht, Gefühle und Vorstellungen, die in der frühen Kindheit geprägt werden und Auswirkungen auf das spätere Denken und Handeln haben. So werden anhand der Vaterfigur, als erster Mann im Leben einer Frau, Gefühlsmuster erlernt, die Frauen dann ein Leben lang prägen.

Ein Vaterkomplex – bei Jung auch Elektrakomplex genannt – entsteht durch das Erleben des Vaters und die dadurch bestimmte Prägung des Männerbildes einer Frau. Dieses Bild projizieren Frauen unterbewusst auf die sie umgebenden Männer. Das hat erheblichen Einfluss darauf, wie sie Männer wahrnehmen und welche Männer für sie als potenzielle Partner in Frage kommen.

Der Vaterkomplex und sein unbewusster Einfluss auf die Partnerwahl

Viele Wissenschaftler und Psychologen haben sich mit dem Thema Vaterkomplex beschäftigt und verschiedene Studien durchgeführt. Im Ergebnis sind sie sich einig: Die Vaterfigur spielt eine wesentliche Rolle in der Entwicklung eines Mädchens zur Frau.

Sigmund Freud befasste sich vor fast 100 Jahren in seiner „Psychoanalytischen Theorie zur Partnerwahl“ mit diesem Thema. Er sah die Grundlage darin, dass der Vater die erste männliche Bezugsperson ist und sich frühkindliche Erfahrungen mit dem Vater auf das Verhalten später als erwachsene Frau auswirken. Außerdem manifestiert sich in der frühen Kindheit auch das Streben um die Gunst des andersgeschlechtlichen Elternteils (siehe Ödipus- und Elektrakomplex). Auch das macht sich bei der späteren Partnerwahl bemerkbar.

So baut eine Frau die erste gegengeschlechtliche Beziehung mit ihrem Vater auf und dies in den prägendsten Jahren ihrer Entwicklung (frühe Kindheit und Pubertät). Die Beziehungsmuster, die dabei im Gehirn angelegt werden, können später abgerufen und wiederholt werden.

Verbindet eine Frau die Vaterfigur mit positiven Eigenschaften wie Spaß, Humor und Albernheiten, so ist es wahrscheinlich, dass sie sich auch einen Partner sucht, der die gleichen Eigenschaften besitzt. Ist die Vaterfigur streng und charakterstark, so wird sie wahrscheinlich einen dominanten und strengen Partner wählen.

Der Vaterkomplex und das äußere Erscheinungsbild des Partners

Sogar im Aussehen gibt es erstaunlich viele Übereinstimmungen. Eine Studie des amerikanischen Sozialpsychologen Donn Byrne ergab, dass wir unseren gegenüber umso sympathischer finden, je mehr bekannte und ähnliche Gesichtsmuster wir entdecken. Und diese leiten sich nicht nur vom eigenen Gesicht ab, sondern insbesondere von dem des andersgeschlechtlichen Elternteils.

Wissenschaftler der ungarischen Universität Pécs überprüften dies anhand von 52 jungen Paaren sowie deren Elternpaaren und einer Kontrollgruppe im Alter der Eltern. Dabei wurden in jedem Gesicht 14 verschiedene Proportionen wie Länge, Breite und verschiedene Abstände vermessen. Anschließend verglich man die Gesichter mit den Gesichtern der Eltern, Schwiegereltern und der Kontrollgruppe.

Und tatsächlich: Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge des Partners mit den Gesichtszügen des Vaters ist auffallend Vor allem im Bereich des mittleren Gesichtsfeldes, der Nase und Augen, umfasst. Das Ergebnis der Studie zeigt, dass etwa 80 % aller Frauen ihren Partner auch nach dem Abbild ihres Vaters auswählen.

Anders jedoch verhält es sich mit den Persönlichkeitseigenschaften. Zu den fünf wichtigsten Faktoren des Persönlichkeitsmodells eines Menschen gehören:

  • emotionale (In-)Stabilität
  • Intro- und Extraversion
  • die Offenheit für Erfahrungen
  • Gewissenhaftigkeit
  • Verträglichkeit

Verschiedene Studien zeigen, dass es zumindest in dem Punkt Persönlichkeitsmodell (ausgenommen der Verträglichkeit) keine relevanten Zusammenhänge zwischen Vaterkomplex, Persönlichkeitsmerkmalen des Vaters und späterer männlicher Partner gibt.

Der Vaterkomplex und die Qualität der Beziehung zum eigenen Vater

Natürlich ist die Qualität der Beziehung zum Vater entscheidend und die Anwesenheit der Vaterfigur ist überhaupt Vorraussetzung für eine Prägung. Der britische Psychoanalytiker John Bowlby vertritt die Ansicht, dass die Eltern-Kind-Beziehung als Modell für zukünftige Paarbeziehungen dient, da der Wunsch nach einer engen Beziehung ein Leben lang bestehen bleibt.

Sowohl die Beziehung zu den Eltern – hier im speziellen zum Vater – als auch die Beziehung zu einem Liebespartner werden von dem Wunsch nach Nähe und Intimität getragen. Da also an eine Liebesbeziehung ähnliche Bedürfnisse und Erwartungen gestellt werden wie sie auch an eine Vater-Tochter-Beziehung gestellt werden, ist es nicht verwunderlich, dass diese sich auf die spätere Partnerwahl auswirkt.

Wenn sich also aus den Erfahrungen mit dem Vater die Erwartungen an zukünftige Beziehungen zu männlichen Personen entwickeln, dann ist es entscheidend, ob die Beziehung zum Vater liebevoll und aufmerksam war oder eher auf Ablehnung und Gleichgültigkeit beruhte.

Frauen mit fürsorglichen und liebevollen Vätern wollen dies in einer Paarbeziehung weiterführen und suchen sich unterbewusst ähnliche Partner. Wer jedoch oft durch den Vater zurückgewiesen wurde, tendiert zu Beziehungen, die durch weniger Nähe zum Partner gekennzeichnet sind.

Zusätzlich ist es entscheidend, welche Emotionen eine Frau mit ihrem Vater verknüpft. Wer positiv an seinen Vater und die Beziehung zu ihm zurückdenkt, ist eher geneigt einen Partner zu wählen, der Ähnlichkeit zum Vater aufweist. Eine Frau, die jedoch mit Abneigung an ihren Vater denkt, wird Ähnlichkeiten größtenteils vermeiden.Grundsätzlich kann man also sagen: Je wärmer und positiver die Beziehung zum eigenen Vater empfunden wird, desto mehr Ähnlichkeit wird der gewählte Partner zum Vater haben. Sowohl äußerlich, als auch charakterlich.

Der amerikanische Psychologie-Professor Glenn Geher untersuchte 2003 in einer Studie die Beziehungszufriedenheit. Dabei ging er von der Annahme aus, dass die Ähnlichkeit auch Hinweise auf Zufriedenheit und Erfolg in der Paarbeziehung beinhaltet. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass tendenziell eher die Frauen sagten, dass sie in ihrer Beziehung zufrieden sind, die sich bei der Partnerwahl an ihrem Vater orientierten.

Sollte man sich als Frau den Vaterkomplex für eine eine stabile, glückliche Beziehung zunutze machen?

Nein, denn verschiedene Forschungsergebnisse zeigen auch: Je ähnlicher sich die Partner – unabhängig vom Vater – hinsichtlich etwa Alter, Herkunft und Bildung sind, desto stabiler ist die Partnerschaft und desto länger dauert diese. Auch ohne Vaterkomplex!

Die Mechanismen, die darüber entscheiden, wen Du sympathisch und anziehend findest, laufen unterbewusst und automatisch ab. Steuern kannst und sollst Du Deine Gefühle nicht. Aber vielleicht lohnt es sich einfach mal zu achten, wenn wir einen Partner haben oder jemanden kennen lernen, der als Partner für uns in Frage kommt.

Was schätzt Du an Deinem Vater? Gibt es vergleichbare Wesenszüge und Eigenschaften bei Deinem Schwarm?

Vielleicht findest Du mehr Ähnlichkeiten, als Du glaubst.

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1 Kommentar

  1. Finde ich gut, schön differenziert. Ich habe lange mit einem 30 jahre älteren Mann zusammen gelebt und er war meiner Mutter ähnlicher als meinem Vater ;). Und das Männerbild aus der männlichen Linie meiner Vorfahren war das von Typen, die sich entziehen, nicht da sind und unerreichbar bleiben. Das hatte mit dem Alter überhaupt nichts zu tun. Das waren für mich tw sogar jüngere Männer. Aber wichtig ist es allemal, diesen Vaterkomplex aufzulösen, damit man nicht Muster lebt sondern sein eigenes Leben.

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